Die Kuhglocken-Schmiede: 30.000 Hammerschläge für ein Leuten

15. September 2012
Bis zu 30.000 Hammerschläge stecken in einer Kuhglocke von Schmied Gerhard Bertele aus dem Allgäu.
Bis zu 30.000 Hammerschläge stecken in einer Kuhglocke von Schmied Gerhard Bertele aus dem Allgäu. Foto: PR.

Das Bimmeln der Kuhglocken ist ein hörbares Synonym für das Allgäu. Während des Alpsommers können die Hirten so ihre Tiere im Gelände orten. Viele der Kuhglocken sind handgemacht, etwa die der Schellenschmiede in Bihlerdorf bei Sonthofen. Dort entstehen Unikate für die Kühe auf Allgäuer und Vorarlberger Alpweiden.

Obwohl alle Schellen aus Stahlblech vorgetrieben und in einer Form ausgearbeitet werden, bleiben sie handgefertigt, erklärt Gerhard Bertele, der mit seinem Bruder Lorenz die Kuhglocken in der Schmiede an der Dorfstraße in Bihlerdorf herstellt. Etwa 30.000 Hammerschläge und bis zu acht Arbeitsstunden stecken in einer Schelle. Das Metall wird poliert und zum Korrosionsschutz nur mit Klarlack überzogen. Damit bleibt die ursprünglich braun-graue Färbung erhalten.

Eine Weidschelle in sechs Stunden

Bis zum letzten Anstrich sind viele Arbeitsschritte nötig: zwei gleiche Metallplatten werden ausgeschnitten, bei 1.100 Grad „warm“ an der offenen Esse vorgetrieben. Erst beim Feuerschweißen spricht ein Schmied von Hitze. Anschließend werden die Platten in die passende Form geschlagen, die Halbschalen vernietet und verschweißt. Kallenbügel, Kalle und Riemenbügel, die ebenfalls gebohrt und geschweißt werden müssen, vervollständigen das gute Stück. Eine mittlere Schellengröße, die später als Weidschelle vom Braunvieh auf der Alpe getragen wird, hat der Schmied bis zu sechs Stunden bearbeitet. Erst wenn das Metall sauber gebürstet ist und die glatte Oberfläche den Klarlackanstrich erhalten hat, ist sie für ihre Verwendung fertig und meist schon vorbestellt.

Die Schelle führt zur Kuh

Im Nebenerwerb verbringen die beiden Bertele-Brüder und ihre zwei Gesellen fast den ganzen Winter, um rund 80 Schellen in verschiedenen Größen für den nächsten Alpsommer herzustellen. Eine Arbeit, die bei ihrer Kundschaft geschätzt wird – schließlich sind die kleineren Weidschellen nicht nur eine wundervolle Begleitmusik des Alpsommers – sie dienen dem Hirten ganz praktisch dazu, die Herde zu orten. Manche erkennen ihr Vieh schon am Klang der Schelle.

Der Lehrling als Alphirte

Die wesentlich größeren Zugschellen hingegen sind ihr ganzer Stolz – sie werden zu besonderen Anlässen, dem „Alpzug“, angelegt. Dann, wenn es nach einem unfallfreien Bergsommer wieder zurück ins Tal geht. Geselle Michael Rohrmoser bekommt leuchtende Augen, als er von diesem Ereignis berichtet: er weiß, wovon er spricht. Seine Chefs stellen ihn jeden Sommer frei, damit er als Alphirte am Schwarzenberg arbeiten kann – im Herbst steht er dann wieder an der Esse. Aus Leidenschaft, wie sein Meister erklärt. Von der Schelle bis zum Riemen könne der Michael alles selbst machen – eine wertvolle Arbeit, handwerklich und finanziell. Für eine handgemachte Allgäuer Schelle mittlerer Größe und für den aufwändigen Lederriemen werden je rund 260 Euro bezahlt. Ein Wert an sich, sagt Bertele, der Bestand hat und eben ein einmaliges Stück mit einem unverwechselbaren Klang…