Viehscheid in den Bergen: Interview mit einem Immenstädter Älpler

5. September 2012

Der Alpsommer ist gut verlaufen, jedenfalls auf der Sennalpe Mittelberg. Am 15. September zieht Älpler Pius Steurer mit 70 Kühen nach Immenstadt ins Tal. Im Interview erzählt er vom Alpsommer 2012 und den Vorbereitungen zum Viehscheid. Am selben Tag finden die Viehscheide in Kranzegg und Gunzesried statt.

Schon als kleiner Bub verbrachte Pius Steurer den Sommer regelmäßig auf der Alpe. Die Sennalpe Mittelberg auf Immenstädter  Gemeindegrund bewirtschaftet er mit seiner Frau seit 14 Jahren. Traditionell endet im Allgäu der Alpsommer mit dem Viehscheid – dem wichtigsten Feiertag im Bergbauernjahr.

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Wie ist der diesjährige Alpsommer verlaufen?

Pius Steurer: Wir hatten ideales Wachswetter. Es hat ausreichend geregnet, die Sonne hat geschienen. Die Natur hat alles bekommen, was sie braucht. Das war ein idealer Alpsommer.

Wie wichtig ist ihnen die Zeit im Sommer auf dem Berg?

Pius Steurer: Ich bin damit aufgewachsen, war schon als Kind im Sommer auf der Alpe dabei. Ein Sommer ohne Alpe –das wäre für mich ein Problem. Man gewöhnt sich hier oben an die Natur und die Tiere, lebt mit ihnen, stellt sich auf ihren Rhythmus ein. Wir haben neben den Rindern auch Ziegen, Hasen, eine Katze, Alpschweine – eben alles, was zu einer echten Landwirtschaft dazu gehört. Zudem sind wir eine Sennalpe, das heißt wir haben Milchkühe und produzieren Butter, Quark, Joghurt, Buttermilch und natürlich Käse, pro Alpsommer zwischen 150 und 180 Laibe.

Was bedeutet Ihnen der Viehscheid?

Pius Steurer: Manche Alpen lassen ihr Vieh mit dem Wagen abholen, statt am Viehscheid teilzunehmen. Ich bin da hin und her gerissen, aber er gehört doch irgendwo dazu, denn der Viehscheid beendet offiziell den Alpsommer. Auf der anderen Seite macht er viel Stress, den man auf der Alpe so nicht gewohnt ist, zumal wir am Viehscheidplatz in Immenstadt auch noch einen Käsestand betreiben. Den ganzen Sommer über hat man die Tiere und die Natur um sich, mit dem Viehscheid taucht der Älpler plötzlich in eine völlig andere Welt ein. Aber das  liegt wohl auch am Alter, ich bin jetzt 61 Jahre. Für die Jugend ist der Viehscheid mit der schönste Tag im Jahr.

Verlief der Alpsommer unfallfrei, führt ein Kranzrind die Tiere der Alpe an. Nach welchen Kriterien wählen Sie das Kranzrind aus und wer kümmert sich um den Kranz?

Pius Steurer: Entscheidend sind Größe und Schönheit, das Tier sollte pflegeleicht sein und seinen Kranz mit Stolz tragen. Das Kranzbinden übernehmen die Frauen. Sie sammeln die passenden Blumen. Diese sollten auf der Alpe wachsen und natürlich besonders schön aussehen. Der Kranz wird dann am Tag vor dem Viehscheid gebunden. Dafür kommen meine Schwägerin und meine Schwester auf den Berg und helfen meiner Frau.

Welche Arbeiten sind rund um den Viehscheid noch zu erledigen?

Pius Steurer: Eine knappe Woche vor dem Viehscheid müssen wir die Zäune nach Immenstadt herrichten. Das ist wichtig, denn an diesem Tag sind die Rinder aufgeregter als sonst. Man weiß nicht genau, wie sie reagieren, wenn sie Glocken tragen. Auch müssen wir diese aus dem Tal auf den Berg holen.

Wie läuft der Viehscheid selbst ab?

Pius Steurer: Unsere Treiber kommen bereits am Vorabend auf die Alpe. Das sind Freunde und Verwandte, meist so um die zehn Mann. Wir sitzen zusammen und besprechen den folgenden Tag. Auch legen wir den Tieren die Glocken am Vortag an – am Morgen wäre das zu knapp und die Unruhe fürs Vieh zu groß. Am Viehscheid-Morgen frühstücken wir alle gemütlich, dann zieht jeder seine Tracht an und es geht los. Etwa auf der Hälfte der Strecke legen wir unserem Kranzrind noch den Schmuck an – jetzt steht dem Einzug nach Immenstadt nichts mehr im Weg.

Ist der Viehscheid für Sie Feiertag – oder würden Sie lieber länger auf dem Berg bleiben?

Pius Steurer: Wenn ich’s mir aussuchen könnte, bliebe ich das ganze Jahr über auf der Alpe Mittelberg.

Ist diese nicht auch im Winter bewirtschaftet?

Pius Steurer: Wir haben ganzjährig eine kleine Gastwirtschaft dabei – im Winter ist sie aber nur von Freitag bis Sonntag bewirtschaftet. Die übrige Zeit sind wir daheim in Riefensberg, das liegt bereits im österreichischen Vorarlberg, direkt an der Grenze.

 

Über die Alpe Mittelberg

Die Alpe Mittelberg liegt am Scheitelpunkt von Ehrenschwanger Tal zum Steigbachtal auf Immenstädter Gemarkung. Sie kann auf eine lange Geschichte blicken, urkundlich erwähnt wird sie erstmals bereits im Jahr 1585. Sie umfasst knapp 40 Hektar. Von Anfang Juni bis Mitte Oktober ist sie täglich geöffnet und von Mitte Oktober bis Ostern jeweils an den Wochenenden, zudem durchgehend von Weihnachten bis Dreikönig. Wanderwege zur Alpe sind im Internet beschrieben unter www.alpe-mittelberg.de

 

Viehscheid-Termine:

Gunzesried, 15.09., ca. 8.30 Uhr

Immenstadt, 15.09.2012 ab 09.00 Uhr

Kranzegg 15.09., ca. 9.00 Uhr